Sächsische Zeitung am 9.Juni 2016

Wir wollen das Wildobst erhalten“

Die Grüne Liga erfasst die größten Bestände. Wie sie gerettet und vermehrt werden sollen, erklärt eine Natur-Expertin.

Osterzgebirge. Viele Leute wissen nicht, dass die Alpenjohannisbeere am Geisingberg gedeiht. Anke Proft kennt noch mehr Stellen im Osterzgebirge, an denen dieser Strauch wächst. Seit einigen Monaten ist die Oberfrauendorferin dieser und anderen Wildobstarten auf der Spur. Beim Projekt „Erhaltung der innerartlichen Vielfalt gebietsheimischer Wildobstarten in Sachsen“ ermittelt sie zusammen mit dem Staatsbetrieb Sachsenforst die Vorkommen. Dazu ist die 45-jährige gelernte Gartenbaumeisterin für den Naturschutzverein Grüne Liga unterwegs, dem sie seit 2001 angehört. Für seine Arbeit wurde der Verein kürzlich ausgezeichnet. Anlass für die SZ, nachzufragen, wie das Projekt läuft.

 

Schützenswertes Wildobst

Frau Proft, das Landwirtschaftsministerium hat das Wildobstprojekt ausgezeichnet, an dem auch Sie beteiligt sind. Wie geht es Ihnen damit?

Das ist eine Wertschätzung unserer Arbeit. Schließlich gibt es viele ähnlich gelagerte Projekte im Naturschutz, die nicht gewürdigt wurden. Wir erhielten im Übrigen eine Urkunde und ein Banner, aber keine Prämie. Die haben wir auch nicht erwartet. Schließlich finanziert das Ministerium unsere Arbeit bereits über eine Förderung.

Seit 2007 beschäftigten Sie sich mit Wildobst. Wie kam es dazu?

Angefangen hat es mit einer Wildobstart, dem Wildapfel. Der Pillnitzer Botaniker Dr. Rolf Büttner gab die ersten Anregungen. 2007 starteten wir unser umfangreiches Wildapfelprojekt zusammen mit dem Julius-Kühn-Institut. Rolf Büttner hatte uns dabei unterstützt. Leider ist er im November 2014 gestorben. Vor wenigen Tagen erst haben wir zum Gedenken an ihn einen Wildapfelbaum bei Cunnersdorf gepflanzt.

Nun beschäftigt sich die Grüne Liga mit weiteren seltenen Wildobstarten. Was bezwecken Sie damit?

Nach der guten Resonanz auf unser Wildapfelprojekt, bei dem wir allein über 600 Wildapfelbäume im Osterzgebirge erfasst haben, haben wir zusammen mit dem Staatsbetrieb Sachsenforst ein fünfjähriges Projekt aufgelegt. Bei diesem verfolgen wir im Grunde das gleiche Ziel wie beim Wildapfel. Wir wollen helfen, dass diese Arten durch zielgerichtete Maßnahmen erhalten werden. Alpenjohannisbeeren, der Wacholder oder die Wildbirne sind heute nicht mehr oft zu finden. Da, wo es noch natürliche Bestände gibt, müssen diese erfasst, genetisch analysiert und bei Eignung als Vermehrungsbestand etabliert werden. Anders als beim Wildapfelprojekt wird das aktuelle Projekt nun wissenschaftlich vom Staatsforst begleitet. Es läuft noch bis 2017.

Wie wollen Sie erreichen, dass die Bestände erhalten bleiben?

Zunächst einmal mussten wir herausfinden, wo es diese Bestände gibt. Dazu studierten wir unter anderem vorliegende Biotopkartierungen und befragten auch Botaniker vor Ort. Unterstützt wurden wir vom Projektpartner Sachsenforst. Dessen Revierförster kennen die Wälder Sachsens ja bestens. Nach der Sichtung am Schreibtisch folgte dann die Kartierung der inzwischen 42 Bestände. Innerhalb Sachsens kartierten wir fast 1 900 Einzelbäume und -sträucher. Dabei haben wir Merkmale zur Struktur und zur Form aufgenommen, die dazu dienen, die Echtheit festzustellen. Dokumentiert haben wir auch die Angaben zum Standort und zu dessen Entstehung. Wir erwarten am Ende auch Erkenntnisse über die genetische Unterschiedlichkeit der jeweiligen Art innerhalb eines Bestandes und der Bestände in verschiedenen Regionen. Das gibt wichtige Aussagen über die zukünftigen Vermehrungsstrategien.

Welche Schwerpunkte haben Sie bisher ausgemacht?

Größere Vorkommen von Alpenjohannisbeeren haben wir beispielsweise am Geisingberg und im Rabenauer Grund gefunden. Wildbirnen gibt es nahe Glashütte. Wacholder treten bei uns im Osterzgebirge nur noch vereinzelt auf.

Das Erfassen von Beständen wird nicht ausreichen, um die Wildobstarten zu erhalten. Wie geht es weiter?

Das stimmt. In einem später folgenden Schritt werden die Bestände, wo es notwendig ist, durch Neuanpflanzungen verdichtet. An anderen Stellen werden Erhaltungsplantagen angelegt. Diese dienen dann dem Bereitstellen von gebietsheimischem Saat- und Pflanzgut auch für Sachsens Baumschulen. Denn die müssen in die Lage versetzt werden, ab 2020 solches gebietsheimische Pflanzgut bereitzustellen. Das Bundesnaturschutzgesetz verlangt, dass ab 2020 in der freien Landschaft nur noch Pflanzmaterial gebietsheimischer Herkünfte ausgebracht werden darf.

Ist das Ihrer Meinung nach in Sachsen zu schaffen?

Dazu müssten die Ausschreibungsmodalitäten in Sachsen weiterführend geändert werden. Gegenwärtig ist es so: Wenn beispielsweise eine Kommune Pflanzungen ausschreibt, wird in der Regel der kostengünstigste Anbieter genommen, egal, woher der seine Pflanzen bezieht. In der Vergangenheit haben deshalb die Baumschulen keine solchen Pflanzen produziert, da sie diese dann wegen der höheren Kosten nicht verkaufen konnten. Und ohne ein Zertifizierungssystem als Herkunfts- und Anzuchtnachweis, was es in Sachsen immer noch nicht gibt, geht es nicht.

Wird sich da was in Sachsen ändern?

Ich hoffe es, und ich würde mich auch darüber freuen. Ein Beitrag im Kleinen, der sich schlussendlich aber im Großen auswirken kann, ist leichter als gedacht. Jeder kann in der Baumschule nach dem Woher des Baumes oder Strauches fragen und sich dann für Bäume und Sträucher entscheiden, die aus unserer Region stammen.

Mit dem Wildapfel haben Sie es geschafft, einen Sympathieträger zu etablieren. Wird eine andere Wildobstart auch mal diesen Status haben?

Das glaube ich nicht. Beim Wildapfel hatten wir den Vorteil, dass wir seine Früchte verarbeiten konnten, zu Wildapfelbrand, zu Gelee und Tee. Und mit dem Wildapfel identifizieren wir uns irgendwie.

Das Gespräch führte Maik Brückner.

 

Sächsische Zeitung 22.08.14

Die Holzäpfel wachsen prächtig

Die Wildfrüchte sind klein und sauer. Trotzdem werden sie zum Denkmal.

Von Franz Herz

Anke Proft (re.) und Simone Heinz von der Grünen Liga Osterzgebirge freuen sich über die vielen Früchte an diesem Wildapfelbaum bei Johnsbach. Foto: Egbert Kamprath

Simone Heinz und Anke Proft haben ihre Freude, wenn sie dieses Jahr ihre Schützlinge besuchen. Das sind die Holzapfelbäume im Raum Glashütte und Bärenstein. Die beiden Frauen, die bei der Grünen Liga das Wildapfelprojekt betreut haben, kennen jeden Einzelnen davon. „Die Bäume tragen jetzt prächtig“, sagt Simone Heinz. „Ganz anders als letztes Jahr.“

Damals war das Frühjahr schlecht für die Bäume und dann hat das Unwetter Anfang Juni die Äpfel auch zu einem unglücklichen Zeitpunkt erwischt. So hingen im Herbst nur ganz vereinzelt die kleinen grünen Äpfel an den Bäumen.

Es dauert noch ein paar Wochen, bis sie Mitte, Ende September ausgereift sind. „Hoffentlich kommt bis dahin kein Unwetter. Dann bekommen wir eine gute Ernte“, sagt Heinz.

Für die Holzäpfel gelten aber wesentlich bescheidenere Maßstäbe als für Kulturäpfel. Ein Baum voller Wildäpfel ergibt vielleicht drei Eimer voll. Die werden auch nicht gepflückt, sondern geschüttelt. „Wir fahren mit einer Plane zum Baum und schütteln. Die reifen Äpfel fallen dann runter. Dann geht es weiter zum nächsten“, berichtet Anke Proft. Das ist ein großer Aufwand für die kleinen Äpfel.

Heinz und Proft haben eine Firma gegründet zur Weiterverarbeitung der Äpfel. Die werden getrocknet und als Tee verkauft. Der hilft gegen Erkältungen und ist sehr gefragt. Die Produktion vom letzten Jahr ist seit Wochen ausverkauft. Daher kommt die gute Ernte gerade richtig.

Weitere Produkte, für die Holzäpfel verwendet werden, sind Gelee und Apfelbrand. Diese haben das spezielle Aroma der Wildäpfel.

Das Interesse an diesen Produkten und am Holzapfelbaum ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Die Baumart ist im vergangenen Jahr auch Baum des Jahres gewesen. Diese Ehre hat ihr zwar nicht zu Früchten verholfen, sie aber deutlich ins Bewusstsein der Menschen gerückt. „Das Interesse hält weiter an“, sagt Anke Proft. So sind auch drei Holzapfelbäume bei Cunnersdorf, bei Johnsbach und auf der Sachsenhöhe bei Bärenstein vorgeschlagen, dass sie als Baumdenkmal anerkannt werden.

Das Verfahren dafür läuft derzeit, wie Birgit Hertzog, die zuständige Abteilungsleiterin im Landratsamt, informiert. Neben den Holzäpfelbäumen sind auch noch 20 andere Baum-Naturdenkmale aus dem Osterzgebirge vorgeschlagen. Bis zum Jahresende soll die Anerkennung abgeschlossen werden. Dann sind die Holzäpfelbäume sogar ein Denkmal.

Viele Menschen sind neugierig auf die seltenen Bäume. So sind die beiden Fachfrauen aus dem Holzäppelgebirge zu einer Fachtagung von Apfelkundlern nach Brandenburg eingeladen. Eine Ausstellung im Schloss Lichtenwalde widmet sich dem Thema und Holzäpfel sind auch an einer Schau vom 6. bis 21. September im Landschluss Pirna-Zuschendorf beteiligt.

Damit es auch immer etwas zu zeigen gibt, kümmern sich die Holzapfelfreunde auch um Erhalt und Vermehrung des Baums. Sie haben eine Förderung bekommen, um 50 neue Bäume zu pflanzen. Die meisten davon kamen im Raum Glashütte-Bärenstein in die Erde. Aber acht davon wurden auch im Gimmlitztal am grünen Klassenzimmer gepflanzt. Die vorhandenen Bäume werden gepflegt. Das heißt in erster Linie, andere Sträucher, die ihnen das Licht nehmen, zurückschneiden. Die Holzapfelbäume selbst dürfen wachsen, wie sie wollen.

„Wir bekommen aber auch Anfragen von Privatleuten, die einen auf ihr Grundstück pflanzen wollen“, sagt Heinz. Aus ganz Deutschland melden sich Interessenten, die einen echten Holzapfelbaum suchen.